„Es gibt nichts Vergleichbares“

„Es gibt nichts Vergleichbares“

Die freundliche Bibliothekarin greift bereitwillig ihren Schlüsselbund und öffnet den Glasschrank, in dem der größte Schatz ruht, den sie hütet. Der Einband ist an manchen Stellen schon arg ramponiert, dennoch nimmt sie eines der Bücher heraus und legt es behutsam auf den Tisch.

„Blättern Sie ruhig mal”, sagt sie und nickt aufmunternd. Das fleckig-vergilbte Papier ist überraschend dick, fast wie Karton. 150 Jahre alt ist dieses Buch. Der erste Band des wichtigsten Werkes von Erzherzog Ludwig Salvator: „Die Balearen. In Wort und Bild geschildert”, erschienen 1869.

Kein Wunder, nach 150 Jahren: Die Bände in der Bibliothek der
Fundación Bartolomé March
sind zum Teil schon etwas ramponiert. Foto: jm

„Das Werk ist eine einzigartige historische Quelle”, sagt Carlo Grignano di San Carlo Brebbia, Vizepräsident des mallorquinischen Vereins der Freunde des Erzherzogs. In sieben Bänden mit neun Büchern, auf mehr als 4000 Seiten beschreibt Ludwig Salvator die Inseln in einem solchen Detailreichtum, mit einer solchen Informationsfülle und einem so allumfassenden Anspruch, wie es zuvor und seitdem kein anderer getan hat. „Das war eine gewaltige Arbeit”, sagt Dr. Wolfgang Löhnert, Gründer der Ludwig-Salvator-Gesellschaft in Wien. „Ein vergleichbares landeskundliches Werk gibt es nicht. Weltweit.”

„Jeder Buchstabe ist aus seiner Feder geflossen“

Schon früh hatte sich Ludwig Salvator ganz der Wissenschaft verschrieben. Dass die Balearen in den Fokus seines Interesses rückten, war dabei ein Zufall. Eigentlich hatte der damals erst 20-Jährige 1867 eine Balkanreise geplant. Wegen einer Cholera-Epidemie dort kam es aber nicht dazu.

Stattdessen besuchte er die Balearen. Erst Ibiza und Formentera, dann Mallorca und Menorca. Schon während des mehrmonatigen Aufenthaltes auf den Inseln stürzte er sich in die Arbeit an einer umfassenden Darstellung. „Man muss bedenken”, sagt Löhnert: „Er hat das alles selbst geschrieben. Jeder Buchstabe ist aus seiner Feder geflossen.”

Dabei konnte Ludwig Salvator auf ein ganzes Netzwerk aus Helfern zurückgreifen. Durch eine glückliche Fügung begegnete er auf der Überfahrt von Ibiza nach Mallorca Francisco Manuel de los Herreros, dem Leiter des Instituto Balear, der damals einzigen weiterführenden Schule in Palma.

Unterstützung durch die einheimische Bevölkerung

Dieser wurde zum wichtigsten Mitarbeiter des Erzherzogs und öffnete diesem viele Türen. „Das Balearen-Werk ist in diesem Sinne nicht nur eine Arbeit Ludwig Salvators, sondern auch der einheimischen Bevölkerung”, sagt Löhnert. „Ohne deren Detailinformationen wäre das Werk nicht möglich gewesen.”

„Mallorquinische Mädchen“
wie sie der Erzherzog sah.

Der Antrieb des Erzherzogs sei es gewesen, die tieferen Zusammenhänge der Welt in allen ihren Erscheinungsformen zu erkennen. „Man kann das Ganze nur verstehen, wenn man das Einzelne erforscht und versteht: vom Insekt bis hin zum Menschen, das war seine Überzeugung”, sagt Löhnert.

Vor diesem Hintergrund müsse man auch das Lebenswerk Ludwig Salvators sehen. Dieses werde allzu oft nur aus der lokalen Perspektive betrachtet. „Jeder sieht nur einen Ausschnitt”, sagt Löhnert. Dabei sei es dem Erzherzog darum gegangen, das Verständnis für den Mittelmeerraum als Kultureinheit zu fördern.

Tiefer Eindruck auf Mallorca

Das sieht auch Dr. Brigitta Mader so. „Aus der Vielfalt seiner Werke ist ein Mittelmeer-Mosaik entstanden”, sagt die Historikerin und Erzherzog-Expertin. Auf Mallorca habe die Forschungsarbeit Ludwig Salvators tiefen Eindruck hinterlassen. Durch seine Arbeit hätten die Balearen überhaupt erst eine Identität bekommen. „Es erwachte das Bewusstsein dafür, wer man eigentlich ist”, sagt sie.

„Gasse in Fornalutx“.

Das „Balearen-Werk” habe jedoch bis heute seine Bedeutung nicht verloren. Aus wissenschaftlicher Sicht könne man aus dem Werk viele Informationen ziehen, seien sie ethnografischer oder linguistischer Art. Wie wertvoll die Arbeit des Erzherzogs bis heute ist, hat Mader selbst erlebt, als sie auf Menorca seine Zeichnungen der talaiotischen Bauwerke dort mit deren heutigem Zustand verglich. „Er war ja der Erste, der sich überhaupt mit den Talaiots befasst hat”, sagt Mader.

Damit sich auch künftige Generationen noch einen Eindruck von der Arbeit des Erzherzogs verschaffen können, verstaut die Bibliothekarin derweil das empfindliche Buch wieder an seinem angestammten Platz. Sicher hinter Glas.

Erschienen im Mallorca Magazin.